Geschichte: Der Kölner Bio-Bauer
- Es begann mit einer Wurmzucht
Nach längerer Arbeitslosigkeit, (sie sind zu alt für den Arbeitsmarkt!) beschäftigte sich Werner Rouhselli nach seinem geliebten Kleingarten mit Methoden zur biologischen Düngegewinnung. Mit Würmern. Die Sorte Wurm hieß Tennesy Wiggler und war durch seine starke Vermehrung und recht anspruchlosen Haltungseigenschaften wie geschaffen zur Produktion von Wurmhumus. W. Rouhselli erkannte schnell durch Versuche auf zugepachteten Flächen (in der Größe von 2 Kleingärten), dass die Eigenschaften von Wurmhumus andere Düngemittel in den Schatten stellten. Ebenfalls fand W. Rouhselli durch den Wurmhumus zum biologischen Anbau von Gemüse, da anderer Dünger nicht mehr eingesetzt werden musste.
Das Gemüse wuchs prächtig und es sah nach einer reichen Ernte aus. Jedoch die Mengen überstiegen die Erwartungen um ein vielfaches. Auch die Möglichkeiten, das Angebaute zu verzehren und zu verarbeiten oder an Freunde und Verwandte zu Verteilen. W. Rouhselli fragte im nahe gelegenen Bio-Laden ob Bedarf an frischem Gemüse bestehe. Als der Ladner das prächtige Gemüse sah war der erste Kunde unter Dach und Fach und wurde tagesfrisch beliefert.
Der Winter rückte näher und W. Rouhselli machte sich Sorgen um seine Wurmzucht. Würden sie Kälte und Eis überleben? Ein Zeitungsinserat machte ihn auf einen Bauern im nächsten Ort aufmerksam “Schweineställe zu vermieten”. Das war die Rettung der Wurmzucht, des Düngers. Beim ersten Treffen mit dem Bauern stellte W. Rouhselli dem Bauern seine Visionen vor: Anbau von ökologischen Obst und Gemüse, Ab Hof Verkauf, Erlebnisbauernhof, Vermarktung ins Umland, Bio-Gasanlage und vieles mehr. Der Bauer war so mitgerissen und begeistert dass er W. Rouhselli direkt vorschlug: “Ich habe die Gerste drinnen, möchten Sie nicht gleich mit dem Anbau beginnen?” Gesagt, getan. Zwei Wochen später standen die ersten Pflanzen auf dem Acker. Auf dem Hof des Bauern durften wir unter einer offenen Scheune einen Verkaufsstand einrichten. Ein Schild wurde an die Straße gestellt und die ersten Kunden kamen. Verkauft wurde Gemüse und Kräuter vom Acker des Bauern sowie der Pachtflächen.
Die Zahl der Kunden wuchs stetig. Rouhsellis Frau Gisela half mit pflanzen und verkaufen. Es wurde kälter und hoch getürmte Strohballen schützten den Verkaufsstand vor der größten Kälte. Bald wurde die Kälte für Mensch und Gemüse unerträglich und W. Rouhselli fragte den Bauern nach einer festen Unterkunft. “Den Schweinestall, den könnt ihr haben.” Schnell machten wir uns an den Ausbau und hatten insbesondere bei der Geruchsbeseitigung viel Arbeit. Schließlich hatten wir ein 40 qm großes Ladengeschäft, mit Theke und selbst gebastelten Regalen. Unser ganzer Stolz.
- Weiterentwicklung von Anbau und Vertrieb
Schon im nächsten Jahr wurde der Feldanbau auf 20 Morgen ausgedehnt, Arbeitskräfte wurden gesucht und eingestellt für Land und Laden. Das Ladengeschäft wuchs und hatte bald normale Öffnungszeiten. Von dem ersten kleinen Gewinn wurden Kasse und Waage angeschafft, sowie weitere Ladeneinrichtungen. Ebenso wuchs der Anbau. Er war vielfältig mit allen erdenklichen Sorten an Gemüse und Salat. Durch den starken Besuch von Hasen, die gefallen an ungespritzten Gemüse gefunden hatten, mussten wir alle Ackerfläche die von uns bewirtschaftet wurde einzäunen. Auch ein Lieferwagen wurde angeschafft, welcher täglich in der Früh geerntetes Gemüse in die Stadt zu vielen kleinen Bio-Läden brachte, die sich über tagesfrisches Gemüse und Salat sehr freuten. Bald fanden wir erste Lieferanten, welche Nachfragen nach Molkereiprodukten, Körnern, Nudeln, Tee, Wein, Süßwaren und etliches andere, deckten. Wobei der Bio-Markt noch in den Kinderschuhen steckte und man noch lange nicht alles bekam was man wollte (5 Pakete Butter, 8 Flaschen Milch pro Woche), wer zuerst kommt malt zuerst. Heute kaum noch vorstellbar in all dem Überfluss.
Die anfangs gepachteten Flächen mussten wir abgeben, da wir beides bald nicht mehr schafften und konzentrierten uns auf den Freilandanbau und unseren “Schweinestall-Laden”.
1985 berichtete uns eine Gärtnerin von einer stillgelegten Bahngärtnerei. Schon bei der ersten Besichtigung hatte sie W. Rouhselli ins Herz geschlossen. Die Gärtnerei wurde seit mehreren Jahren nicht mehr genutzt. Alles war verwildert, Meter hoch standen Unkräuter und Gräser, die Scheiben der Gewächshäuser waren kaputt, das Glas lag in den Beeten und auf den Freiflächen tummelten sich Fuchs und Hase.
- W. Roußelli sah jedoch das positive!
Räumlichkeiten für einen Hofladen, Lagerräume für Vorräte, Büros, fließend Wasser, Toilette mit Spülung (In Libur gab es nur ein Plumpsklo) und natürlich die Möglichkeit des ganzjährigen Anbaus inklusive Jungpflanzen, Aufzuchthaus, Pikierhaus, Anbaufläche unter Glas, Frühbeetanlage, Freilandfläche und das alles zusammengefasst in einer "grünen Oase ", begrenzt vom Gremberger-Wäldchen und Kleingartenanlagen und trotzdem in 10 Minuten aus der Stadt erreichbar.
- Wie schon gesagt es war Liebe auf den ersten Blick.
Mit der Bundesbahn wurde Rouhselli schnell einig und pachtete das Gelände zunächst für 30 Jahre. Der Biolandverband nahm Bodenproben und gab sofort grünes Licht zum Anbau ökologischen Gemüses. Umstellzeiten mussten nicht beachtet werden, da das Gelände mehrere Jahre brach lag und die Böden im Freiland und der Frühbeetanlage beste Werte aufwiesen. Probleme bereiteten die Gewächshaus-Ruinen, denn das kaputte Glas lag ja in den Beeten. Zudem war die Erde nicht die beste. Also wurden die Gewächshäuser neu eingedeckt , der alte Boden entfernt und mit Mutterboden und Wurmhumus aufgefüllt. Und überhaupt wurde aufgeräumt, freigeschnitten, geputzt, repariert, instandgesetzt, Gärtner gesucht und, und ,und…
Im Frühjahr 1986 nahm die Gärtnerei die Arbeit auf. Außer Gemüse hatten wir uns auf Kräuter in Töpfen spezialisiert, da es regional Nachfrage gab jedoch keine Produzenten. Der kleine Verkaufsraum wurde eingerichtet und in erster Linie Produkte aus eigenem Anbau sowie regionales Obst, Kartoffeln und auch Trocken- und Molkereiprodukte sowie der erste Käse aus einer kleinen Theke angeboten. Für unser Geschäft in Libur suchten wir nun Verkäuferinnen, da wir uns nun zunächst auf die Gärtnerei konzentrierten.
Alles wuchs prächtig, 3 Gärtner säten, pikierten, pflanzten und die Kräuter im Topf waren eine wahre Wonne. Bis…ja bis es zum Super Gau kam. Am 26. April 1986 ereignete sich in der Sowjetischen Stadt Tschernobyl eine der größten Umweltkatastrophen aller Zeiten. Nach einer Kernschmelze explodierte der Atomreaktor. Die radioaktiven Wolken verteilten sich zunächst über weite Teile Europas und schließlich über die gesamte nördliche Halbkugel. Insgesamt wurde in Europa eine Fläche von 3.900.000 km² (40% der Gesamtfläche) kontaminiert. In Deutschland wurde auf Rat der Regierung großflächig Gemüse untergepflügt, der Markt für Gemüse und Molkereiprodukte brach ein. Der Verbraucher war verängstigt und der Kauf von Konserven stieg an.
Für uns waren die Folgen anfangs nicht abzusehen. W.Rouhselli gab unverzüglich ein TÜV-Gutachten in Auftrag und ließ Kräuter und Gemüse aus eigenem Anbau testen. Erstes Aufatmen nachdem die Tests negativ waren, zumal die Kräuter eh unter Glas produziert wurden. Und trotzdem hatten wir nicht mit dem gerechnet was nun geschah.
Der Verkauf von frischem Gemüse und Salat kam so gut wie zum erliegen. Zusätzlich sagten die Handelspartner für Kräuter in Töpfen alle Warenlieferungen ab. Die ganze wichtige erste Produktion musste entsorgt werden, der Umsatz brach ein, das Geld wurde knapp, die Gärtner kündigten frustriert von sich aus. Zugesagte Entschädigungen und Kredite durch die Regierung bezogen sich nur auf konventionelle Landwirtschaft. Bio-Bauern gingen leer aus. War das schon das Ende?
Es hätte wirklich viel passieren können, jedoch mit solch einem Start mit der Gärtnerei hatte keiner gerechnet. Die Investitionen in den neuen Betrieb verpufften, das Personal konnte nicht bezahlt werden, erst der nächste Satz Gemüse (in ca. 8-12 Wochen) versprach erste Einnahmen, Trockenwaren konnten nicht bestellt werden, da Rechnungen nicht bezahlt werden konnten. Mahnungen, Gerichtsvollzieher, ..Wir waren Pleite!
Sollte es das schon gewesen sein? Wieder zurück in die Arbeitslosigkeit? Familie Rouhselli beschloss zu kämpfen!
Um überhaupt Umsätze erzielen zu können waren wir auf Lieferanten angewiesen. Doch die meisten verweigerten trotz Rückzahlungsplan eine weitere Belieferung. Kurzerhand fuhr Rouhselli in die Niederlande. Dort waren große Firmen für Bio-Rohstoffe und Produzenten von Bio-Waren ansässig. Sich bewusst nach dem letzten Strohhalm zu greifen stellte sich W. Rouhselli mit seiner Frau ohne vorherige Terminabsprache der Geschäftsleitung vor: "Guten Tag, mein Name ist Rouhselli aus Köln, ich bin pleite und brauche Ware." Nach erster Verwunderung stieg ein Lächeln in die Gesichter und man war spontan bereit Rouhselli zu helfen. Ja mehr noch, man zeigte ihnen sogleich die Produkte ging mit ihnen aufs Lager und führte sie durch die Firma. Und das war kein Einzelfall. Alle Firmen, welche die Rouhsellis an diesem Tag besuchten sagten Lieferungen zu mit sehr moderaten Zahlungsbedingungen. Licht am Ende des Tunnels!
Die nächsten Wochen, Monate und Jahre waren hart! Zwar wuchsen die Umsätze stetig, jedoch blieb vom Gewinn nicht viel übrig, da zuerst die Gläubiger bedient wurden. Mit einem Minimum an Personal und umso größeren eigenem Arbeitseinsatz versuchte Familie Rouhselli auf die Füße zu kommen. Dabei waren Freizeit, Hobbys, Urlaub Fremdwörter. Maßnahmen wurden nötig die weh taten. So wurde das gut gehende Geschäft (der Beginn) in Libur verkauft. Ebenso wurde der Feldanbau in Libur eingestellt, da dieser zu kostenintensiv war.
Wir konzentrierten uns jetzt ausschließlich auf die Gärtnerei. Zum Anbau von Gemüse und Salat und zum kleinen Ladengeschäft kam ein Geflügelhof hinzu. Es wurden Küchen, Kindergärten und Einzelhändler als Kunden gewonnen, der Großhandel wurde ausgebaut. Anfang der 90er Jahre platzte das Geschäft aus allen Nähten Wir mussten ausbauen. Das Pikierhaus wurde zur Hälfte als Laden umfunktioniert, der hintere Teil diente als zusätzliches Lager. Dadurch fehlte der Platz zur eigenen Aufzucht von Jungpflanzen. Wir stellten um auf Zukauf fertiger Bio-Jungpflanzen. Die Ernten waren sehr gut, herrliches Gemüse zu allen Jahreszeiten, mehrmals täglich frisch geerntet. Vier Jahre später war auch der letzte Gläubiger bedient und die Ladenfläche wurde um den Lagerraum vergrößert. Mittlerweile wuchs der Bio-Markt Deutschlandweit sehr schnell. Immer wieder neue Produkte fanden den Weg in die Regale. Und aus unserer zunächst kleinen Verkaufsstelle ist einer der größten Läden Kölns geworden mit ca. 180 qm² Verkaufsfläche.
1997 Werner Rouhselli war bereits 64 Jahre, doch noch kein bisschen müde, stieg Sohn Jürgen nach Beendigung von Schule und Ausbildung ins Geschäft ein. Die Entlastung war spürbar, denn nun konnte sich W. Rouhselli voll und ganz dem Anbau und den Tieren widmen. Das Ladengeschäft versorgten Gisela und Jürgen gemeinsam mit angestellten Verkäuferinnen. Die Büroarbeit übernahm ebenfalls Jürgen Rouhselli. Im Jahr 2000 gab es den Bio-Boom. Ausgelöst durch den ersten bestätigten BSE-Fall in Deutschland. Der Warenfluss kam ins stocken. Viele Hersteller waren gezwungen, die Produktionsflächen zu vergrößern, insbesondere in den Bereichen Sojaprodukte und vegetarische Brotaufstriche. Jedoch genauso schnell wie es begann ebbte der Boom auch wieder ab. Aus den Medien aus dem Sinn. Im Laufe der Zeit wurden auch Märkte auf Bio-Waren aufmerksam, die man früher nie mit ökologischen Produkten in Verbindung gebracht hätte. Erste reine Bio-Supermärkte entstanden. Auch Discounter etablierten Bio-Produkte in ihren Regalen. So manch kleinerer Bio- oder Naturkostladen verschwand von der Bildfläche.
2003 starb Firmengründer Werner Rouhselli plötzlich und unerwartet im Alter von nur 69 Jahren. Wie geht es weiter? Eine schnelle Entscheidung musste her. Ehefrau Gisela blieb zunächst Inhaberin. Sohn Jürgen übernahm als Geschäftsführer die Leitung. Beide sind sich einig, die Gärtnerei und das Ladengeschäft bleiben bestehen und werden weitergeführt! Jürgen Roußelli hatte zwar den Aufbau des Betriebes miterlebt , arbeitete schon in jungen Jahren wo es ging mit, war nach dem Einstieg 1997 vertraut mit Büro, Ladengeschäft und Kunden, der jedoch der neu zu seinen Aufgaben hinzugekommene Anbau von Gemüse stellte eine große Herausforderung dar.
Das erste Jahr war heftig. Manche Kulturen wuchsen hervorragend, bei anderen erlitt man Verluste. Lehrreich war es allemal. Und am Ende des Jahres stand für Jürgen Roußelli fest, die Liebe für die Landwirtschaft entdeckt zu haben. Apropos Liebe. 2004 erweitert Jürgens Frau Katja den Familienbetrieb. Aus ihrer Ehe gehen 2005 Leonie und 2007 Jonas hervor. Vielleicht die nächste Generation vom Kölner Bio-Bauern.
Aktuell bilden wir ein nettes Team aus Verkäuferinnen, Gärtner und den Inhabern Jürgen und Katja Roußelli. Auch die "alte Chefin" Gisela Roußelli arbeitet nach Lust und Laune ein paar Stunden in der Woche mit. Der Salat- und Gemüseanbau dient nun komplett dem Verkauf im Hofgeschäft und bietet übers Jahr 40-50 verschiedene Kulturen von diversen Salaten über Tomaten, Gurken, Paprika, Zucchini, Kohl, Blatt- und Blütengemüse. Auch der Hühnerhof ist nach wie vor fester Bestandteil, denn ohne ihn würde der ökologische Kreislauf nicht gelingen.
Das Ladengeschäft umfasst mittlerweile über 4000 Produkte von ca. 30 Lieferanten. Außergewöhnlich ist der Obst- und Gemüse-Bedienverkauf, nicht jedermanns Sache, jedoch können wir so eine möglich hohe Qualität gewährleisten. Bei uns ist nichts auf Hochglanz getrimmt, das heißt aber nicht dass es schmutzig wäre, aber die alten Holzregale aus Gründerzeiten stehen immer noch. Und das ausgebaute Gewächshaus ist immer noch als solches erkennbar. „Urig“ ist die meist gewählte Beschreibung. Auch Küchen und Kindergärten werden nach wie vor von uns beliefert.
Von Mai bis September werden sehr gerne die angebotenen Führungen von Schulen und Kindergärten genutzt. Aber auch andere Gruppen haben dazu die Möglichkeit.
Für das Jahr 2010 ist ein Gartenprojekt mit der Jugendwerkstatt Vingst, dem Bürgerzentrum Vingst (proVi-Stadtteilbüro) und der Gesamtschüle Köln-Höhenberg geplant. Später soll auch das Seniorennetzwerk mit eingebunden werden. 2011 Feiern wir dann 25 jähriges Jubiläum.
Es grüßt Bio-freundlich-logisch Ihre Familie Roußelli
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